Warum wir Silvester alle so fertig waren

Geht es euch auch so, dass ihr froh seid, endlich ein frisches Jahr zu haben? Noch ganz unbenutzt und sauber? Alle haben sich auf die langen Feiertage gefreut, ich persönlich freue mich, dass auf den Straßen wieder etwas los ist. Es war wie so eine Weihnachtsmatrix, in der ich gefangen war. Viel lesen, viel schlafen, netflix, essen, Freunde treffen. Das war schön, aber zu lange.

Keiner mochte so richtig aufs Blech hauen, auch die Silvesterpartys um mich herum waren eher kuschelig.

Warum waren eigentlich alle so fertig?

Die Medien haben Schuld!

Genauer gesagt, unser Medienkonsum. Oder doch etwas auch die Medien selber. Ist euch mal aufgefallen, dass dieses Jahr in monothematischen Blöcken berichtet wurde? Es gab immer EINE große Nachricht dann wurde die mit der nächsten Katastrophe überschrieben.

Paris ist die grausame Klammer

Alles fing im Januar mit Charlie Hebdo an. Mir wird heute noch schlecht bei dem Gedanken, wie die Attentäter in der Redaktion vorgegangen sind. Damals wurde meine Welt ein paar Grad kälter. Dass dies erst der Anfang war und 2015 sich zu einer emotionalen Eiszeit entwickeln würde, konnte ich mir noch nicht vorstellen.

Da ist so eine komische Nummer

Kurze Zeit später fällt ein Flugzeug vom Himmel, einfach so, wie es erst scheint.
Daran erinnere ich mich genau. An dem Tag habe ich PR Manager in Sachen social media unterrichtet. Twitter und das hashtag standen auf dem Lehrplan. Wir schauten uns das Netzwerk live an und es kam immer wieder ein hashtag mit der Flugnummer.

Meine Kursteilnehmer fragten, was das zu bedeuten hat. Ich fing an zu recherchieren, keine 20 Sekunden später wurde diese Flugnummer um den Namen #Germanwings erweitert. Fuck dachte ich, da ist was passiert. Ich hatte den Unterricht dann für eine halbe Stunde unterbrochen, damit sich alle sammeln konnten. Zwei Tage später, als die Ursache des Absturzes bekannt wurde, unterbach ich erneut.

Aber Charlie Hebdo? Die Nachricht, die uns alle bewegt, umgehauen, verzweifeln und tief hat trauern lassen? Die Topnews war plötzlich weg.

Ach das war ja auch noch

Es folgte Griechenland. Kein Wort mehr zu den vorherigen Ereignissen. Von allen Seiten wurden wir, mit den unterschiedlichsten Meinungen zur Schuldenkrise, zugeballert.

Ab jetzt wird alles anders

Und dann änderte sich noch mal alles. Dieses Mal nachhaltig und für alle von uns spürbar. Jetzt war das Leid, das Elend, Angst und Trauer nicht mehr nur in den Medien, sondern in unserer Nachbarschaft. Hunderttausende Zufluchtsuchende fanden und finden in unserer Mitte eine neue Gemeinschaft und ein neues Leben.

Tausende von Freiwilligen, die einfach mal gemacht haben, trugen und tragen dazu bei, dass ich ein ganz neues Bild von meinem Land bekommen habe.

Nächstenliebe, Mitleid, Solidarität, Fürsorge, klar das sind christliche Werte, die in unserer Gesellschaft elementar sind. Aber in diesem Ausmaß? Mit soviel Engagement, teilweise bis an die eigene Grenze der Erschöpfung? Das hat mich überrascht.

Neulich war ich auf einer Party und ein Paar erzählte, dass sie kurz vor Abflug in ihren Kanarenurlaub die Reise gecancelt haben und lieber für zwei Wochen auf Lesbos die ankommenden Menschen versorgten. Das war jetzt schon besonders und wir hatten alle viele Fragen, aber eigentlich höre ich das überall. Menschen helfen während ihres Urlaubes in Flüchtlingsunterkünften, an Bahnhöfen, in Kleiderkammern, in den Gemeinden und das oft zusätzlich zu ihrem ohnehin schon starken Engagement, neben Job und Familie.

Und was hat uns daran platt gemacht? Die Dauerbeschallung!

Es gab, wie gehabt, kein anderes Thema mehr. Vokabeln wie „Flüchtlingskrise“ dröhnten uns in den Ohren. Medienwirksame Bilder brannten sich uns auf die Netzhaut. Griechenland, das Vorgängerthema, das die Gemüter erhitze, war jetzt ein Ankommerland. Die Schuldensache, die uns eben noch in den Abgrund stützen sollte, wird sich schon irgendwie regeln.

Dann kam das Unaussprechliche

Es ist eines von diesen „und wo warst Du?“ Ereignissen. Ich kam in der Nacht auf den 14. November von einem Bloggerdinner, wir fachsimpelten über Mode und darüber, ob die Youtubestars nicht langsam ausgelutscht sind.

Zum Entspannen schaltete ich noch kurz den TV an, es lief die Nachberichterstattung von einem Fußballspiel. Ich wusste nicht mal wer gegen wen gespielt hat, aber die Moderatoren kamen mir komisch vor. Der eine mit der Brille und einer der hübschen aus der Fußballnationalmannschaft. Die eierten so seltsam rum, kamen nicht zum Punkt, wirkten nervös, aber Fussball ist eh nicht so sehr mein Ding und ich schaltete weiter. Da hatte ich dann verstanden, warum die Moderatoren der Sendung sich so seltsam verhalten haben.

Wie es immer so ist, Sachen, die ich mir nicht vorstellen kann, finden auch erstmal so nicht statt. Ich ging ins Bett mit der Information, dass in einem Theater (so hieß es zu dem Zeitpunkt) Geiseln genommen wurden und dachte, das wird schon alles gut gehen.

Am nächsten Morgen lag ich noch im Bett, checkte Mails, die sozialen Kanäle und dann mein morgendliches Ritual, drei Nachrichten Apps. Ich kam bis zur ersten. Die Geiseln aus dem Theater waren gar keine Geiseln, sondern wurden sofort erschossen und es war außerdem ein Nachtclub und es hieß es gab knapp 90 Tote und woanders in der Stadt wurde einfach in Cafés und Restaurant geschossen und wahllos Leute umgebracht.

Ich ließ das Handy auf mein Kissen fallen und starrte gefühlte 48 Stunden an die Zimmerdecke. Ab und zu weinte ich, erst am Abend habe ich versucht zu verstehen, was jetzt passiert ist und auch erst am Abend habe ich mir wieder Nachrichten angeschaut, gefühlte zwei Wochen lang.

Verstanden habe ich bis heute einiges, lange nicht alles. Wie es weitergehen wird, wissen wir alle nicht so recht. Ich weiß nur eines: Dieses 2015 war einfach zu krass für ein Jahr.

Über Ulrike Bartos 361 Artikel
Gründerin von miss BARTOZ einer der ersten deutschsprachigen Websites für Frauen mit Übergrößen, since 2010 :-) Mehr als 15 Jahre Erfahrung in den digitalen Medien, consultant für digitale Kommunikation und PR.

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