Essstörungen und GNTM

Im vergangenen Jahr, als die Fernsehsendung „Germany’s Next Topmodel“ zehnjähriges Jubiläum feierte, kam eine vielzitierte Studie (z.B. hier beim Stern) über den Zusammenhang von Essstörungen und den Konzepten der Sendungen „Extrem schön“, „The biggest Looser“ und eben GNTM auf den Markt.
Jetzt ist diese Studie als open source Buch unter dem Titel „Warum seh‘ ich nicht so aus“ für alle Interessierten frei zugänglich. Hier geht es zum Buch.

Der Leitwolf, der Leiden schafft

Es war die erste Generation junger Frauen, die komplett mit Heidi und ihren Meeedchen aufgewachsen ist. Die ungefiltert aufgesogen hat, was schön ist und was man, sollte man nicht mit diesen Genen ausgestattet sein, tun kann, um es zu werden.
Das zentrale Thema dabei: der schlanke Körper.
Die Message: nur über den perfekten Body geht es Richtung Lebensglück. Wie dieser Körper beschaffen sein muss, lernt man, nun im 11. Jahr, detalliert von Heidi und ihrem Team.

Das Buch ist eine Mischung aus Studienergebnissen und Interviews mit betroffenen Mädchen, die bereits an einer Essstörung leiden. Zum Beispiel Mia, 22, magersüchtig:

In der Zeit, in der ich mich nach Orientierung gesehnt habe, schien diese Sendung diese Aufgabe zu übernehmen. Ich habe gelernt, dass nur makellose Schönheit, Reinheit, Schlankheit glücklich machen kann. Sport, gesunde Ernährung und Dünnsein waren der einzig wahre Weg zum Erfolg. Die Urteile der Jury schienen mir scheinbar vernichtend, wenn ein Mädchen (…) ein bis zwei Kilo zugenommen hatte. (…)“
Quelle: „Warum seh‘ ich nicht so aus“, Seite 67, Kapitel: Das Krankmachende in der Logik von GNTM

Noch nie war der mediale Druck und das Diktat des Schönheitsideals so unmittelbar an jungen Menschen dran wie heute. Immer neue Mager-Trends, wie die Bikini-Bridge oder das aktuelle A4 Blatt, mit dem sich Frauen auf Instagram präsentieren, um zu beweisen, dass ihre Taille dahinter verschwindet, setzen vorwiegend Mädchen unter Druck.

warum seh ich nicht so aus titel

Eine TV Sendung kann krank machen?

Da kann man sich natürlich zurücklehnen und sagen, was für ein Quatsch.

Diese Distanz, die man braucht um eben nicht in den Sog von einem überall anwesendem Diktat von Schönheit = schlank = glücklich, habe z.B. ich mit Mitte vierzig.

Wenn ich GNTM schaue mache ich das mit Ironie oder weil mich tatsächlich mal ein Outfit interessiert und seit neuestem wegen „Deine Mudda Michalsky“ darauf wartend, dass dem neuen Juror an der Seite vom Dauerexperte Hajo wieder irgendein Klopfer in seinem Slang herausrutscht. Meistens räume ich nebenbei auf, schreibe oder koche, während im Hintergrund Heidi’s Anwärterinnen unter den absurdesten Bedingungen versuchen ein anständiges Foto hinzubekommen. Immer unter der Anleitung von Modellmama Heidi, die genau weiß was ankommt.

Dieses ungefilterte Einprasseln der Anleitungen zum Lebensglück, das in erster Linie mit einem perfekten, schlanken und durchtrainierten Körper, einem schönen oder maximal „interessanten“ Gesicht und einer ebenmäßigen Haut zu tun hat, kann ich, wie auch die Autorinnen von Warum seh‘ ich nicht so aus? Dr. Maya Götz und Caroline Mendel allenfalls sachlich bzw. wissenschaftlich erfassen.

Durch die publizierten Interviews und Zitate lichtet sich ein bisschen der Vorhang und ich kann den erschütternden Kampf in den Köpfen und Seelen der aktuellen Mädchengeneration erahnen. Den Kampf eben dieser jungen Frauen, die nicht mit einer (in diesem Fall meiner) lebenserfahrenen Reife zum Zweck der Berieselung die Sendung schauen.

„Germany’s Next Topmodel hat mich sehr beeinflusst, weil ich mich auch mit meinen Freundinnen sehr damit auseinandergesetzt habe und weil die Models auch Idole wurden, mit denen ich mich verglichen habe. Deswegen wollte ich genauso aussehen“ Katharina, 15, magersüchtig. Quelle: „Warum seh‘ ich nicht so aus“, Seite 55, Kapitel: Das System GNTM

Ich hatte selber eine Freundin, die essgestört war. Damals, als ich herausbekommen habe, was sie da hinter meinem Rücken treibt, habe ich es wie sie versucht und mir nach dem Essen einmal den Finger in den Hals gesteckt. Danach hatte ich geplatzte Äderchen im Gesicht, einen rauhen Hals und fühlte mich total gerädert. Das war nichts für mich und ich ließ es bleiben.

Wenn ich mir vorstelle, dieser unschuldige Versuch einer „ach wie praktisch, du kotzt das einfach aus Diät“ würde heute im selben Alter wie damals (15) stattfinden, mit all den vielen Accounts, Websites, Foren, Communities die mich schlimmstenfalls zu einer viel einfacheren Prozedur angeleitet hätten, verstehe ich das Seelenleid vieler Mädchen von heute etwas besser.

Die Freundschaft zerbrach wohl an der Bulimie meiner Freundin. Dass ihre Veränderung damit zu tun hatte, war mir damals natürlich noch nicht klar. Ob sie überlebt hat, weiß ich nicht.

Liebe Eltern …

von pubertierenden (und jüngeren) Kindern, besonders euch lege ich dieses Buch an eure Herzen.

Ihr werdet eine Essstörung vielleicht nicht verhindern können, aber ihr habt mit dem Buch eine Möglichkeit besser zu verstehen, was in euren Kindern vorgeht.

Es ist sehr gut lesbar und eine Art Tatsachenbericht, der auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über Essstörungen enthält. Es untersucht den Zusammenhang von den genannten Sendungen, mit dem Schwerpunkt auf GNTM und Essstörungen, aber ist, meiner Meinung nach, auch auf den „Körperhype“ von z.B. Instagram übertragbar auch wenn die wertevermittelnde Leitkuh Heidi fehlt.

Hier nochmal der Link: „Warum seh‘ ich nicht so aus“

Über Ulrike Bartos 368 Artikel
Mehr als 15 Jahre Erfahrung in den digitalen Medien, Media Marketing und Kommunikationsprofi. Inhaberin von miss BARTOZ und consulting für digitale Markenkommunikation, Content Marketing, freie Honorardozentin www.ulrikebartos.de

2 Kommentare

  1. Liebe Ulrike,
    danke für diesen Artikel. Ich arbeite in einer KiTa als Sozialpädagogin. Wir haben dort gerade die erste Generation Kinder von essgestörten Eltern, hauptsächlich Müttern. Ich bin geschockt wenn ich sehe, dass der Schönheits- und Schlankheitswahn wirklich zum Teil schon Kindergartenkinder betrifft, nicht unbedingt nur weil Mütter schon bei den Kleinsten auf Figur und Schlankheit achten (zierliche Mädchen kommen einfach besser an, das war schon zu meiner Kindheit so), sondern auch weil viele kleine Mädchen sich natürlich mit ihrer Mutter identifizieren und die befindet sich ständig auf Diät und im Kampf mit sich selbst.
    Sehr zu empfehlen ist da auch ein amüsant geschriebenes Buch von Tine Wittler „Wer schön sein will muss reisen“. Sie beschreibt, dass uberwie die sogenannte „zivilisierte“ Bevölkerung das dünne Schönheitsideal hat. Nachdem in „unzivilisierten“ Kulturen westliche Medien Einzug hielten, stieg der Anteil an essgestörten Mädchen signifikant.
    Ich wünsche mir eine Welt, in der eine Frau schön ist weil sie eine tolle weibliche Ausstrahlung hat und nicht weil ihre Hülle dünn und makellos ist-das ist nämlich vergänglich.

    Mit herzlichen Grüßen

  2. Danke für den Tip! Meine jüngste Tochter (11 Jahre) muss sich von Klassenkameraden im Wechsel anhören das sie zu dick oder zu dünn ist (je nachdem wie es den anderen gerade passt). Da sie am Anfang der Pubertät ist, verunsichert sie das sehr. Vielleicht finde ich noch ein paar zusätzliche Tips.

1 Trackback / Pingback

  1. CURVY SUPERMODEL- ECHT. SCHÖN. KURVIG.

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