Anke Gröner über die Nudeldicke Deern

Anke Gröner, Autorin, Texterin und Bloggerin aus Hamburg, hat ein ganz tolles und sehr lustiges Buch geschrieben die Nudeldicke Deern.

Den Untertitel:Free your mind and your fat ass will follow habe ich gleich als  Aufforderung verstanden, sie zu interviewen.

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miss BARTOZ: Es gibt Regalwände voll mit Schlank werden-sein-bleiben Büchern, wie kam es, dass Du ein Buch über das Dicksein geschrieben hast?

Anke Gröner: Ehrlich gesagt, kam nicht ich auf die Idee, sondern der Rowohlt-Verlag. Ich schreibe seit 2002 ein tagebuchartiges Weblog. Mit einem Foodcoaching im August 2009 hat sich mein Essverhalten – und ohne dass ich es darauf angelegt hätte, auch das Verhältnis zu meinem dicken Körper – sehr verändert. Auch darüber habe ich natürlich gebloggt. Und irgendwann kam dann eine Mail vom Verlag, dass sie jetzt bitteschön gerne ein Buch von mir zu diesem Thema hätten.

mB: Manchmal hab ich den Eindruck, dass der Satz: „Ich habe Krebs“ von anderen besser angenommen wird, als: „Ich mache keine Diät mehr“. Teilst Du diese Meinung? Wie ist es Dir damit ergangen? Wie waren die Reaktionen, z.B. auf Dein Buch?

Anke Gröner: Okay, den Krebs-Vergleich würde ich persönlich nicht ziehen, aber ja, es stößt erst einmal auf Unverständnis, wenn man sich dem üblichen Körperhass- und Diätgequatsche entzieht.

Wir können unseren Körper nicht formen, aber auf ihn aufpassen

Seit ich mich mit diesem Thema beschäftige, fällt mir immer mehr auf, wie sehr wir eine bestimmte Art zu denken verinnerlicht haben: diese Idee, dass man seinen Körper formen könnte, wie man will. Dass man, wenn man nur genug Selbstdisziplin hat, irgendwann aus einer Kleidergröße 54 eine 34 machen kann.

Dass man Essen nicht genießt, sondern erstmal darüber nachdenkt, wieviele Kalorien es hat. Dass man nicht zum Sport geht, weil es Spaß macht, sondern weil es schlank macht (angeblich). Dass man sich Essen irgendwie „verdienen“ muss – mit Sport, mit Verzicht, mit acht Stunden nichts essen, bevor man wieder darf.

Frauen sind in unserer überbebilderten Welt einem massiven Druck ausgestetzt.

Seitdem ich auf meinen Körper und seinen Hunger höre und auf niemand sonst mehr, geht es mir so gut wie nie zuvor. Im Gegensatz zu den 25 Jahren vorher, die ich damit verbracht habe, mich eklig und hässlich zu fühlen und in denen ich von einer Diät zur nächsten getaumelt bin ­– deren einziges Ergebnis war, immer mehr zu wiegen als vorher.

Aber mit dieser bescheuerten Art zu denken, bin ich leider nicht alleine: Wir glauben immer noch, wenn eine Diät versagt und wir wieder zunehmen, dass es unsere Schuld ist und nicht die der Diät – was völliger Irrsinn ist, weil 95% der Menschen, die mal abgenommen haben, alles wieder zunehmen. Trotzdem werden uns die kläglichen 5% als normal präsentiert und die 95% als Ausnahme. Äh … was?

Die Reaktionen auf mein Buch waren fast ausnahmslos positiv. … Die einzigen, sehr wenigen, negativen Reaktionen kamen interessanterweise … von Männern, denen ich einfach mal unterstelle, dass sie nicht wissen, wie groß der Druck auf Frauen ist, einem gewissen Bild zu entsprechen. Wobei wir uns diesen Druck natürlich auch selbst machen, indem wir mit unseren Freundinnen und Kolleginnen über Diäten reden anstatt über was Sinnvolles. Ich glaube kaum, dass Männer abends in der Kneipe darüber nachdenken, wieviele Kalorien ihr Bier gerade hat. (Um mal ein bisschen das Klischee-Fass aufzumachen.)

Nochmal zu den Reaktionen: Ich habe unglaublich viele Mails bekommen, in denen Frauen mir geschrieben haben, wie wohltuend mein Buch war. Wie sehr sie sich verstanden gefühlt haben. Und vor allem, wie sehr sie Essen auf einmal genießen können. Was für mich natürlich ein Riesenkompliment ist.

Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht mehr damit gerechnet, dass ich irgendwann mit meinem Körper glücklich werden würde.

mB:  Wenn ich meine Leserinnen nach einem Tipp für curvy Frauen frage, sagen fast alle: steh zu Dir und trau Dich was. Aber wie kommt man dahin? Wie hast Du es gelernt, zu Dir zu stehen und Dich anzunehmen?

Anke Gröner: Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht mehr damit gerechnet, dass ich irgendwann mit meinem Körper glücklich werden würde. Schließlich habe ich ihn 25 Jahre lang beschimpft, weil er so undiszipliniert und dick ist. Aber mit meiner neuen Art zu essen – iss, wenn du hungrig bist, iss, was du willst – kam auf einmal eine neue Wertschätzung für meinen Körper. Ich kann dir leider kein Patentrezept geben, aber bei mir führte der Weg über gutes, genussvolles Essen. Ich vermeide bewusst Begriffe wie „gesund“, weil sich das schon wieder so anstrengend anhört.

Essen lernen

Seitdem ich regelmäßig koche und auf gute Zutaten achte, ist Essen für mich keine Strafe mehr, was es jahrelang war (kein Wunder, wenn man nur fettreduzierten Industriequatsch isst). Auf einmal war Essen etwas Wundervolles – und ich habe gemerkt, wie gut ich mich auf einmal fühle. Vielleicht weil ich mich liebevoll um mich und meinen Körper gekümmert habe. Auf einmal musste ich ihn gar nicht mehr beschimpfen, und ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich jemals das Gefühl hätte, dass ich das müsste.

Ich glaube nicht, dass man sich unbedingt „etwas trauen“ muss. Ich muss nicht plötzlich quietschbunte Kleidung tragen oder möglichst laut sein. Es reicht, wenn ich nett zu mir bin. Aber ich weiß, dass selbst das für viele Dicke schon ein Riesenschritt ist.

Selbstakzeptanz

mB: Das Schönheitsideal der westlichen Welt ist allgegenwärtig, würdest Du auch sagen, dass es klare gesellschaftliche Diskriminierungen gegen dicke Menschen in Deutschland gibt?

Anke Gröner: Ich weiß nicht, ob sich diese Vorschrift schon geändert hat, aber es gab mal die Ansage, dass Menschen mit einem BMI über 30 nicht verbeamtet werden. Weil die ja angeblich alle morgen an ihren Krankheiten sterben, die Übergewicht so mit sich bringt, wissen wir ja alle. (Achtung, Ironie.) Jeder, der sich fünf Minuten mit dem BMI beschäftigt, weiß, was für ein Quatsch dieser Maßstab ist, daher ist das für mich eine klare Diskrimierung.

Was mich aber noch mehr nervt, ist der alltägliche Umgang mit Dicken. Ich hasse diese ganzen beknackten Vorurteile, die es über Dicke gibt, und ich hasse es, dass ich persönlich erstmal gegen sie anarbeiten muss. Ebenso hasse ich es, dass Dicke gerne als Witzfiguren dienen, über die man ungestraft lachen oder lästern darf. Nein, darfst du nicht. Nur weil ich eine andere Körperform habe als du, heißt das noch lange nicht, dass ich ein minderwertiger Mensch bin, über den du herziehen darfst.

Dicksein ist keine negative Charaktereigenschaft, kein persönlicher Makel, kein Dokument meines Scheiterns. Es ist einfach nur eine andere Körperform als deine. Ich lästere nicht über dich, weil du dünner bist als ich, also lästere nicht über mich, weil ich dicker bin als du. Ganz einfach eigentlich.

In diesem Zusammenhang: Ich kann es genauso wenig leiden, wie über dünne Frauen hergezogen wird. Anscheinend ist es egal, wie eine Frau aussieht – es ist immer für irgendwen nicht richtig. Vielleicht könnten wir uns einfach mal darauf einigen, dass wir alle nun mal so aussehen wie wir aussehen und aufhören, uns deswegen mies zu fühlen oder andere runterzumachen. Wäre toll, oder?

mB: Du hast eine sensationell gute Schreibe, fällt Dir eine gute Reaktion ein, die man parat haben kann, wenn einem jemand Fremdes wegen des Gewichts blöd anmacht?

Anke Gröner: Danke für das Kompliment. Aber zur Frage: Nein, hab ich nicht. Ich habe inzwischen für mich festgezurrt, dass ich Idioten ignoriere. Mir ist meine Zeit einfach zu schade, sich an diesen Trotteln abzuarbeiten. Wer meint, er müsste mir auf der Straße dumm kommen, der hat ein Problem. Er (oder sie). Nicht ich. Wie online gilt auch offline: Don’t feed the trolls. Ignorieren. Weitergehen. Und sich selbst nochmal sagen: Ich bin ein netter Mensch und der Vollpfosten von eben nicht. Warum sollte ich mit so was diskutieren wollen?

mB: Vielen Dank für dieses Gespräch Anke.

Für die Leserinnen aus dem Süden der Republik: Die Nudeldicke Deern ist ein Kinderlied aus dem Norden und Deern ist das plattdeutsche Wort für Mädchen.

Wenn Du möchstest, kannst Du hier Ankes Buch bestellen.
Es gibt auch eine Kindle Version für die Ebooker unter euch.

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Über Ulrike Bartos 366 Artikel
Mehr als 15 Jahre Erfahrung in den digitalen Medien, Media Marketing und Kommunikationsprofi. Inhaberin von miss BARTOZ und consulting für digitale Markenkommunikation, Content Marketing, freie Honorardozentin www.ulrikebartos.de

7 Kommentare

  1. wieso muß eigentlich immer wieder so betont werden, dass die männer ja auch nicht besser dran sind – naja egal.
    und wenn das jetzt so ist, beweist es auch nur, wie fies wir in diesem fremdgesteuert sein drin sitzen. es ist doch offensichtlich, dass es bei diesem ganzen schönheitshype nicht wirklich um schönheit geht, sondern nur mal wieder um unser bestes…geld?

    • Ich finde, es sollte gelegentlich mal betont werden, weil es auf der anderen Seite (wie auch in diesem Interview) oft so klingt, als wäre der elendige Kampf mit dem Gewicht ein „typisches“ Frauenproblem, und genau das sehe ich nicht so, zumindest nicht bei dem, was ich in meiner Umgebung beobachte.

      Das macht es nicht im Geringsten besser, sondern schlimmer, weil es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

  2. Das Buch kenne ich nicht, aber die Einstellung gefällt mir.
    Ich habe meine auch vor einigen Jahren geändert. Bis dahin bin ich auch von Diät zu Diät, von Abnehmkonzept zu Abnehmkonzept. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mich schon selber ab- und wieder zugenommen habe.
    Dann habe ich mich in einem Internet-Forum angemeldet, dass nur für mollige Frauen ist. Und auf einmal habe ich gemerkt, dass ich mit ganz vielen Problemen, Gedanken und dem ganz normalen Alltag nicht alleine bin. Ich habe dadurch langsam meine Einstellung zu mir selber ändern können.
    Und dann habe ich auch irgendwann beschlossen nicht mehr zu diäten, mich so zu nehmen, wie ich bin. Danach habe ich rund 10 kg abgenommen. Wieso und warum – ich weiß es nicht. Und seitdem halte ich mein Gewicht. Immer knapp unter 100 kg und darüber möchte ich auch nie mehr kommen. Da würde ich dann schon die Notbremse ziehen. Ich wäre natürlich immer noch gerne mindestens 10 kg schlanker. Aber das versuche ich nicht mit Ach und Krach.
    Ich habe jetzt sogar einen Zumba-Kurs angefangen und muss sagen: Es macht mir Spaß. Ich bin ansonsten ein absoluter Sportmuffel (leider).
    Ich werde meinen Weg so weitergehen, denn er ist gut so, wie er ist.
    Gruß
    Strapsie

  3. Ich stimme Anne zu. Ich denke ein paar mal am Tag daran, wie mein Gewicht ist und tänzele um mein Wunschgewicht wie ein Boxer um den Gegner. Immer schön auf Distanz.

    Allerdings vergrätze ich mir dadurch weder mein Leben, noch hasse ich mich. Manchmal denke ich: Ich würde auch gerne so aussehen wie XYZ. Aber das sind andere Menschen, die haben das in den Genen.

    Schlimm ist es dann, wenn man sich selber hasst und man nicht das Leben führt, was man gerne führen möchte. Meistens geht mir das nicht so, Ausnahmen bestätigen die Regel. Dann esse ich ein paar Tage wieder etwas bewusster, das genügt in der Regel.

    Die Frage ist ob Frauen sich vielleicht öfter selber HASSEN (den Körper) und der Druck auf Frauen deswegen eher negativer ist als beim Mann, der dem Druck zwar ausgesetzt ist, aber es irgendwie akzeptierter ist.

    Eins ist jedoch auch für mich klar: Die nackten / halb nackten Männer im Kino, Theater etc. sehen meistens 1a aus. Gilette Werbung, Fussballspieler, männliche Schauspieler – und das langsam zu uns nach Deutschland aus den USA wandernde Ideal, dass Manager nicht dick sein dürfen. Und spätestens da wird der ambitionierte männliche, dickere Arbeitnehmer vom Eu- in den Disstreß geschickt.

  4. Schönes Interview! Ich würde aber anmerken, dass ich den Trend zum Diäten, Abnehmen und Sporttreiben um des Abnehmens willen genauso auch bei Männern sehe und zwar in gleichem Umfang. Da wird genauso auf den Bauch geklopft und vom Fitnessstudio erzählt oder eben auf irgendwas verzichtet, weil man auf die Figur achten will. Vielleicht ist meine Wahrnehmung auch ein bisschen verzehrt, aber ich seh da eigentlich kein wirkliches Frauenproblem mehr, sondern generell geschlechtsübergreifend eine verquere Einstellung zu Essen und Genießen.

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