Das Vorstellungsgespräch – was ziehe ich an

Das Vorstellungsgespräch: ein Gastartikel von Stephanie Grupe

Ja, das ist die Wahrheit: Es gibt tatsächlich Frauen, die in pinkfarbenen Leggings zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Wenn Sie jetzt entsetzt sind, dann haben Sie noch nicht die ganze Geschichte gehört… Aber erst einmal zurück zum Anfang: Nach rund 25 Jahren Berufstätigkeit und weit über 50 Bewerbungsgesprächen im Bereich Public Relations hat mich so manche menschliche und modische Begegnung sprachlos zurückgelassen. Viel zu oft musste ich miterleben, wie kompetente Bewerberinnen ihre Chancen verspielten, weil ihr Erscheinungsbild eine Anstellung quasi verhinderte.

Denn ob wir es wollen oder nicht: Im Vorstellungsgespräch ist der erste, rein optische Eindruck von der Bewerberin oft der wichtigste.

Stellen werden nicht an Lebensläufe vergeben, sondern an Persönlichkeiten.

In den ersten Sekunden des Kennenlernens machen sich Ihre zukünftigen Arbeitgeber bereits ein Bild von Ihrem Charakter. Dieses „Bild“ entscheidet, mit wie viel Wohlwollen oder Vorurteilen man Ihnen begegnet. Wollen Sie wirklich während des gesamten Gespräches gegen den ersten Zweifel Ihres Gegenübers ankämpfen oder doch lieber eine positive Erwartungshaltung nutzen, um mit Ihren Fähigkeiten zu glänzen? Um diesen positiven, optischen Erstkontakt herzustellen gibt es ein paar sehr einfache Regeln, die Bewerberinnen beachten sollten.

Meine persönliche Erfolgsformel für den stilvollen Auftritt beim Vorstellungsgespräch lässt sich in vier Worten zusammenfassen: Strukturiert, individuell, elegant, gepflegt.
Kurz: die SIEG-Formel.

1. Struktur bringt Ordnung und Klarheit

Wenn unsere Mütter oder Großmütter uns ermahnten, „Zieh Dich ordentlich an, Kind!“, dann hatte das einen Grund. Denn Ordnung bedeutet, die Dinge zu strukturieren, für Klarheit zu sorgen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Das ist übrigens eine Fähigkeit, die von Arbeitgebern sehr geschätzt wird! Also zeigen Sie Ihrem zukünftigen Chef mit einem überlegten Outfit, dass Sie wissen, worauf es ankommt.

Modisch gesehen bedeutet das, seinen Körper in wenige, klar voneinander getrennte, wohlgeformte Zonen zu unterteilen und auf jegliches Schi-Schi zu verzichten. Erfolgreiche Männer wenden diese Taktik seit Jahrzehnten an und wissen, dass sie nichts überzeugender wirken lässt, als ein gut geschnittener Anzug. Selbst die unsportlichsten Männer mit Bauch und hängenden Schultern werden in einem guten Anzug zum Erfolgsmenschen. Das können Frauen auch!

Vermeiden Sie einfach alles, was schlabbert, knautscht, raschelt, klimpert, weht, rutscht, stark schwingt oder keine klaren Konturen hat – auch bei Accessoires oder Schmuck. Greifen Sie stattdessen zu Stoffen und Schnitten, die Ihrer Figur Halt geben und eine perfekte Silhouette formen. Gut gearbeitete Schultern verhelfen Ihnen zu einer aufrechten Haltung und Selbstsicherheit.
  • Ein taillierter Blazer oder Kleid macht Sie weiblich, ohne dabei zu viel Haut zu zeigen.

  • Figurnah geschnittene Röcke oder Hosen und Schuhe mit breiterem Absatz verleihen Ihnen einen festen Gang und Standfestigkeit. So zeigen Sie, dass Sie so schnell Nichts umhaut.

  • Zudem können Sie Farben als Strukturgeber einsetzen. Stellen Sie sich einfach die Frage: Mit welchem Körperteil möchte ich heute glänzen? Setzen Sie dort die hellsten oder farblich auffälligsten Akzente und bleiben Sie in anderen Bereichen bei dunklen oder neutralen Farben – auch bei den Fingernägeln.

Nackte Beine, die kapriziös ins Konferenzzimmer stöckeln, sind zwar für einige Herren eine nette Abwechslung, aber leider auch die rote Karte für das Team-Spielfeld.

Unter uns gesagt: Der Kopf-Bereich wäre bei dieser Gelegenheit die geeignete Stelle, die es mit Highlights einzurahmen gilt… Nicht umsonst heißen Personalberater auch „Head Hunter“ ;-)

Apropos Kopf: Struktur hört bei der Kleidung nicht auf.

Auch die Haare wollen geordnet sein. Ein klar definierter Haarschnitt oder eine schlichte Frisur, die die Haare sicher davon abhält, ins Gesicht zu fallen, sind angebracht. Wilde oder toupierte Frisuren, ungekämmt wirkende, zottelige, schlecht gestufte oder herausgewachsene, das halbe Gesicht verdeckende Haarschnitte sind ein No-Go!

2. Individuelle Akzente zeigen, wer Sie sind.

Wenn Sie jetzt denken, „Das ist ja langweilig!“, dann irren Sie gewaltig. Denn in einem Vorstellungsgespräch werden mehr klitzekleine Details gesehen und interpretiert, als Ihnen vielleicht bewusst ist.

Sie werden von den Haaren bis zu den Zehenspitzen – die man hoffentlich nicht sieht! – beurteilt. Setzen Sie also ganz bewusst einen oder zwei modische Akzente, die Ihrem Gesprächspartner vermitteln, dass Ihre Persönlichkeit weitere interessante Facetten aufzuweisen hat.

Überlegen Sie dabei sehr gründlich, was genau Sie über sich aussagen möchten:

  • Eine übergroße, sportliche und hochwertige Armbanduhr in etwa zeigt Ihre Leistungsbereitschaft, etwas Dominanz und Aufstiegsorientierung.

  • Ein buntes Seidentuch, das Sie im Ausschnitt Ihres Blazers drapieren, zeigt Fröhlichkeit, vielleicht sogar Frechheit und gleichzeitig Sinn für Qualität.

  • Die besonders filigrane, ausgefallene Brosche an Ihrem Revers weist auf Sensibilität und Gespür für Design.

  • Eine originelle Aktentasche lässt Ihre exzentrische, extrovertierte Seite vorsichtig durchscheinen.

  • Aber auch ein asymmetrisch geschnittener Blazer, ein Hemdkragen mit einer dezenten Stickerei oder ein Schuh mit etwas ungewöhnlich geformter Kappe können solche Akzente setzen.

Wichtig dabei: Entscheiden Sie sich für ein oder zwei Akzente und belassen Sie alles andere bei schlichten Basics! Und vielleicht noch erwähnenswert: Lassen Sie dabei Ihre kindlich-mädchenhafte Seite zu Hause! Das bedeutet: Haarspangen oder –reife, Schleifchen oder Rüschen, Bubikragen und die Farben Pink oder Babyrosa gehören nicht ins Vorstellungsgespräch.

3. Eleganz verschafft Ihnen Respekt

Was wollen Sie im Vorstellungsgespräch erreichen? Wollen Sie „nur“ einen Job? Wahrscheinlich nur vordergründig. In Wirklichkeit wollen Sie – wie viele Menschen, die eine neue Arbeitsstelle suchen – für Ihre Kompetenz und Fähigkeiten geschätzt werden. Sie wollen, dass Ihr Chef Sie als wertvolles Mitglied des Teams willkommen heißt. Sie wollen, dass Ihr Potential erkannt wird. Sie wollen den Respekt Ihres neuen Arbeitgebers.

In den Ratgebern steht an dieser Stelle häufig: Kleiden Sie sich nicht für die Stelle, die Sie haben, sondern für die Position, die Sie erreichen wollen. Aber nicht alle Menschen sind so karriereorientiert und nicht alle Arbeitsbereiche sind für den schnellen beruflichen Aufstieg vorherbestimmt.

Ich denke, es ist wichtiger sich so anzuziehen, dass Sie sich den Respekt Ihres Arbeitsumfeldes verdienen.

Und das geht am besten mit Eleganz. Denn Eleganz ist zeitlos und beständig. Eleganz setzt auf Qualität und kommt ohne Übertreibung aus. Wahre Eleganz überzeugt immer. Im Grunde ist es ganz einfach: Wenn Sie die Wahl zwischen zwei modischen Alternativen haben, fragen Sie sich immer, welche Variante die elegantere ist und wählen Sie diese. Schwarze Zigarettenhose oder dunkle Jeans? Plateau-Booties in Schlangenleder-Optik oder klassische Pumps? Weiße Bluse oder bedrucktes T-Shirt? Sie wissen, was ich meine, oder? Vorstellungsgespräch

Ein weiterer Rat in diesem Zusammenhang, den Sie sicherlich schon häufig gelesen haben, ist aber auf jeden Fall zu beherzigen: Tragen Sie immer die beste Qualität, die Sie sich leisten können. Denn gerade bei schlichten, zeitlosen Kleidungsstücken merkt man schnell den Unterschied zwischen hochwertigem Material und Billigware, zwischen perfekter Schneiderkunst und im Akkord zusammengenähten Teilen.

In fast keiner anderen Situation ist das Geld, das Sie in Kleidung investieren, so gut angelegt, wie bei Ihrem perfekten Bewerbungsoutfit.

Die Teile, die Sie sich dafür kaufen, sind eine Investition in Ihre Zukunft. Sie werden sie nicht nur in mehreren Vorstellungsgesprächen, sondern auch danach noch jahrelang erfolgreich tragen. Ein weiterer Vorteil: Bei so hochwertigen Stücken lohnt es sich auch, diese bei einer Änderungsschneiderei in die richtige Passform bringen zu lassen. Damit ist dann ein noch besserer Auftritt garantiert.

Im Vorstellungsgespräch sollten Sie sich nie verstellen. Ihre Gesprächspartner merken sehr schnell, ob Sie sich natürlich verhalten oder versuchen, eine Andere zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass Sie sich in Ihrem Vorstellungsgespräch einfach gehen lassen können. Es geht darum, Ihr bestes Ich zu zeigen.

Das bekommen Sie nur hin, wenn Sie perfekt gepflegt auftreten. Und damit meine ich keinesfalls, dass Sie sich fast bis zur Unkenntlichkeit schminken und stylen sollen. Im Gegenteil:

Wenn Sie fertig gestylt wie eine natürliche Schönheit aussehen, ist es gerade richtig.

  • Wählen Sie dezente, natürliche Farben für Ihr Make-up.

  • Vermeiden Sie knalligen oder glossigen Lippenstift, sondern greifen Sie zu matten Rosenholztönen.

  • Umranden Sie Ihre Augen nicht fett mit schwarzem Kajal, sondern akzentuieren Sie nur die Augenwinkel dezent mit Grau oder Braun.

  • Fallen Sie nicht mit knallroten, langen oder kunstvoll verzierten Nägeln aus der Rolle, sondern belassen Sie sie klassisch kurz und nur mit Klarlack oder in Nude betont.

  • Ersetzen Sie den Wildwuchs an Beinen oder Achseln durch gepflegte Glattheit.

  • Selbstverständlich sind zudem frisch gewaschene, schuppenfreie Haare, manikürte und nicht abgeknabberte Nägel, abgedeckte Pickel, gut mit Feuchtigkeit versorgte Haut – auch an den Händen! – sowie ein frisch geduschter und deodorierter Körper Pflicht. Dazu gehört auch ein dezenter Duft, der erst zu erahnen ist, wenn man Ihnen näher kommt und keinesfalls den gesamten Raum ausfüllt.

Zu einem gepflegten Auftritt gehört aber noch Vieles mehr: Auch Ihr Outfit sollte in makellosem Zustand sein. Blusen sind frisch gebügelt und – auch am Kragen und an den Manschetten – knitterfrei am schönsten. Knöpfe sind fest, Strümpfe ohne Laufmaschen. Schuhe glänzen frisch geputzt, Sohle und Absatz sind nicht abgelaufen. Flecken, abgeschabte Stoffstellen, rissige Ledergürtel, zerknitterte Bügelfalten, Strickkleidung mit Pilling-Effekt – all das gehört nicht in ein Vorstellungsgespräch. Seien Sie sich immer bewusst:

Die Sorgfalt, die Sie bei Ihrem Styling und Ihrem Outfit an den Tag legen, gibt dem zukünftigen Chef eine Menge Anhaltspunkte, wie gewissenhaft Sie Ihren zukünftigen Job erledigen werden.

In einem Vorstellungsgespräch geht es darum, Ihre Person, Ihre Fähigkeiten und Ihre Kompetenz in den Mittelpunkt zu stellen. Lassen Sie einfach alles weg, was die Aufmerksamkeit Ihrer Gesprächspartner vom Wesentlichen abziehen könnte und vertrauen Sie auf sich selbst. Weniger ist mehr.

Das ist eine Weisheit, die sich auch in dieser, für Ihr Leben so bedeutsamen Situation bewahrheitet. Sie können nie alles können, nie alles wissen. Aber Sie können eine Menge dafür tun, im Bewerbungsgespräch Ihr Erscheinungsbild für sich sprechen zu lassen.

Ach ja, und was die eingangs erwähnte Dame anbelangt: Sie trug zur pinkfarbenen Legging noch ein bunt gemustertes T-Shirt mit einem riesigen Dekolleté, High Heels und einen dunklen Blazer, der leider auch nichts mehr retten konnte. Ihre puppenhaft geschminkten Kulleraugen klimperten wild, während Sie meinem Chef die ganze Zeit anschmachtete.

Nachdem sich besagter Chef von der beeindruckenden Vorstellung erholt hatte, setzte er seine Unterschrift auf den Arbeitsvertrag – von einer anderen Bewerberin.

Viel Erfolg bei Ihrer nächsten Bewerbung wünscht Ihnen

Stephanie Grupe

alias die Modeflüsterin

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Über Ulrike Bartos 361 Artikel
Gründerin von miss BARTOZ einer der ersten deutschsprachigen Websites für Frauen mit Übergrößen, since 2010 :-) Mehr als 15 Jahre Erfahrung in den digitalen Medien, consultant für digitale Kommunikation und PR.

2 Kommentare

  1. Hallo,
    ich weiß, dass dieser Artikel jetzt schon über ein Jahr online steht, aber ich lese diesen Blog noch nicht so lange und bin erst jetzt auf diesen Post gestoßen, der für mich im Moment doch einigermaßen aktuell ist.. und ich habe da jetzt mal eine Frage: Inwieweit muss ich mich mit meinem Outfit in einem Vorstellungsgespräch „verbiegen“? Erst mal: Unterschiedliche Jobs stellen auch unterschiedliche Ansprüche an das Äußere der Leute, eine Bankerin, Versicherungs-Kauffrau, Anwaltsgehilfin muss sich natürlich anders präsentieren als eine Erzieherin oder eine Mediengestalterin oder oder oder… Selbstverständlich sind pinkfarbene Leggins und Shirts mit Blumenprint im Büro eher ein No-Go (obwohl sie in der Modebranche vielleicht gut ankämen, wenn es gerade „hip“ ist), aber ist es bei allen Selbstverständlichkeiten wie sauberer Kleidung und einem gepflegten Äußeren nicht auch SEHR wichtig, dass man eine gewisse Autenzität ausstrahlt und nicht verkleidet wirkt?
    Vielleicht wäre zu diesem Thema noch einmal eine kleine Ergänzung möglich?
    Liebe Grüße
    Julia I.
    P.S.: Ansonsten lese ich diesen Blog sehr gern und das neue Design spricht mich sehr an!

    • Liebe Julia,

      schön, dass Dir das neue Design gefällt. Dass der Artikel „schon“ ein Jahr ist, macht ja nichts.
      Auch das war ein Ziel des Umbaus, Texte, die gehaltvoll sind und einen längeren Mehrwert haben, wieder sichtbar zu machen.
      Ich stimme Dir zu, nicht bei allen Jobs ist ein Blazer gefragt, das ist es auch nicht so ganz, was in dem Artikel steht.
      Es geht ja gerade darum, seine Authentizität zu bewaren, aber ihr einen Anstrich zu geben, der zeigt, „ich kann das Spiel spielen“.

      Die Gradwanderung zwischen hip und schick, gerade bei einer Bewerbung als Moderedakteurin, ist sehr dünn.
      Schätze, dass schlichtes Schwarz und eine angesagte Tasche eine sichere Bank sind.
      Was man aber mal machen könnte, ist diesen Artikel um Outfits ergängzen und dann auch etwas weg von den Klassikern Kostüm oder
      Hosenanzug zu gehen.

      Was hälst Du davon?

      Herzlichst
      miss BARTOZ

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